Unser Plan ist es, per Drahtesel von Mernes nach Venedig zu gelangen. Wir sind gespannt, wie dieser Plan aufgeht.
Die Räder sind fast fertig gepackt!
Der Kreis schließt sich
Nun ist schon die zweite Woche des Februar vergangen und langsam kommt die Erkenntnis: So viel Zeit verbleibt gar nicht mehr bis zum Heimflug. Aber der Reihe nach:
In Namibia geht unser Weg weiter nach Lüderitz, einer alten Hafenstadt, die durch Diamantenfunde zur Zeit des „Deutsch-Süd-West“ und danach zu blühendem Leben erwachte. Hier gefällt es uns sehr, denn neben vielen schönen alten Gebäuden hat die Stadt den Flair einer „ehrlichen“ Arbeiterstadt. Man sieht Schwarz und Weiß, einen großen Hafen, raues Klima, sprich Wind, Wind und Wind. Der kurze Rundgang über den hiesigen Campsite, der direkt und schön an der Hafenmündung, jedoch noch direkter in der Windschneise liegt, führt uns erstmalig seit Tourbegin auf direktem Wege zu einem Bed & Breakfast. Das Zelt aufzubauen erscheint genau so unwahrscheinlich wie auch nur eine einzige Minute Schlaf – es ist einfach viel zu windig. Die deutsche Vergangenheit wird in der nahen Geisterstadt „Kohlmansskuppe“ bewusst. Christo, der Leiter der geführten Tour, zeigt uns neben der restaurierten Sport- und Konzerthalle samt Kegelbahn viele Details zur Stadt. So wurde in einer aufwändigen Art Eis produziert, das die Angestellten und ihre Familien zu Kühlzwecken erhielten. Trinkwasser wurde aus Kapstadt per Schiff in die Stadt verbracht, der Wert von Trinkwasser war dementsprechend hoch. Da die Stadt mitten im Einfluss des starken Windes (des sogenannten „Südwester“) gebaut war, kann man sich unschwer vorstellen, welche Entbehrungen die Menschen auf sich nahmen, alles um monetäre Ziele zu erreichen. Froh, dass wir diese Destination nicht ausgelassen haben, fahren wir wieder ins Landesinnere und nach einer Zwischenübernachtung erreichen wir den Fish-River-Canyon. Nach dem Grand-Canyon in den Staaten der zweitgrößte Canyon und sehr tief, breit und lang. Die genauen Daten stehen bestimmt bei Wikipedia. Was wir jedoch mit Bestimmtheit sagen können: Er ist sehr, sehr schön! Wir nutzen einen ganzen Tag, um von verschiedenen Aussichtspunkten in Teile des Canyons sehen zu können und waren jedes Mal angetan ob der Aussicht. Wir wissen, dass man den Canyon der Länge nach durchwandern kann, ca. 80 km, allerding nur zu den Wintermonaten, da in den Sommermonaten die Temperaturen zu hoch sind. Das Permit für die Durchwanderung erhält man nach Vorlage einer ärztlichen Bescheinigung über die Tauglichkeit für ein solches Vorhaben. Wir haben uns sagen lassen, dass die Warteliste stets gut gefüllt ist. Über ständig wechselnde, felsige, sandige, trockene und bergige Landschaft erreichen wir schließlich den Oranje-Fluss, der den Grenzverlauf zu Südafrika bildet. Wir pausieren einen Tag auf einem Campsite direkt am Fluss, lassen die Natur auf uns wirken, hören vielleicht zum letzten Mal auf der Reise einen Seeadler und ganz viel nichts: Kein Verkehrslärm, keine Zivilisationsgeräusche, einzig die Natur. Wir wissen, es wird nun anders, als wir uns auf den Weg zur Grenze machen. Mit den sowohl auf der namibischen als auch auf der südafrikanischen Seite ausgesprochen netten Beamten werden die Formalitäten in rekordverdächtigen 40 Minuten erledigt. Schön für uns, denn wir haben heute und morgen vor, Strecke zu machen. Wir wissen, dass wir nun in ein eher europäisch geprägtes Land fahren. Nicht historisch gesehen, mehr von Puls, Lifestyle und der Taktung her, so gewöhnen wir uns nun wieder schnell an eine höhere Verkehrsdichte und an Fahrzeuge, die uns auf der asphaltierten Schnellstraße überholen. Der nordwestliche Teil von Südafrika ist zu dieser Jahreszeit trocken und grau, das ändert sich erst, als wir die Cedarberge sehen. Hier fließt der „Olifants-River“, und die Farmer verstehen es durch ausgeklügelte Bewässerungssysteme das Land grün werden zu lassen. Wir möchten jedoch an den Atlantik, an die Westcoast und weiter an das Kap der guten Hoffnung, wie Heinrich der Seefahrer das einst berüchtigte „Kap der Stürme“ umbenannte. Nach ein paar Tagen ist es soweit: Wir erreichen die Kap Region und sehen den Tafelberg schon von weitem vor uns liegen. Hier schließt sich der Kreis: Die Transafrikareise von 2008 hatte hier ihr Ziel erreicht. Schon ein emotionaler Moment, wieder an denselben Orten zu kommen, fast vergessenes wieder zu erinnern. Und auch schön, alte Rituale wieder aufleben zu lassen. So wandern wir zu Fuß auf den Tafelberg, tauchen ein in das bunte Treiben an der Waterfront, fahren ans Kap, wo einst das im Touristentrubel hart erkämpfte Bild von Hansi und uns entstand und genießen die lässige Lebensart der „In“- Küstenorten um Kapstadt.
Nun steht noch ein langsames Vorwärtskommen entlang der Küste am indischen Ozean und ein zügiges Fahren der Strecke zwischen Küste und Johannesburg bevor. In dieser Zeit werden wir Gelegenheit haben, das Erlebte und die vielen Eindrücke der letzten Wochen wirken zu lassen. Und das waren ganz schön viele.
Meer, Strand, Robben und anderes
Wir erreichen Hentiesbay, und sind nicht sonderlich begeistert. Abgesehen von einem schönen Strand präsentiert sich der Ort eher als Retortenstadt für die Urlaubssaison und begibt sich mangels Touristen gerade in den Tiefschlaf. Wir machen daher nur einen kurzen Stopp und fahren dann ein paar Kilometer Richtung Norden, nach Cape Cross, wo eine der größten Robbenkolonien weltweit beheimatet ist. Die Geräuschkulisse ist ebenso beeindruckend wie der Gestank. Es herrscht ein Gewusel aus umherirrenden Jungtieren, die mit einem lämmchenähnlichen „mäh mäh“ nach ihren Müttern rufen. Diese zu finden erscheint fast aussichtslos, da der Strand überfüllt ist mit Muttertieren. So quälen sich kleine Robben orientierungslos und laut rufend über oder unter anderen Tieren hinweg, werden von anderen Müttern erbost zur Seite gescheucht und so ist es fast rührend zu beobachten, wenn sich dann doch irgendwo im Gemenge Mutter und Junges finden. In dem Gewusel bleiben viele Tiere auf der Strecke und so ist der strenge Geruch nicht nur den Exkrementen zuzuschreiben. Dennoch ist es ein faszinierendes Naturschauspiel, dem wir fast eine ganze Stunde beiwohnen. Das einfache, etwa 3 km entfernte Camp in direkter Strandlage ist traumhaft und gelegentlich verirrt sich auch hierher die ein oder andere Robbe.
Nächste Station ist Swakopmund, wo wir ein paar Tage verweilen. Neben den alten deutschen Wurzeln, die sich in Form von historischen Gebäuden, der deutschen Sprache und des besonders leckeren Kuchens wiederfinden, genießen wir die kühle Meeresbriese. Daneben gibt es in Swakop eine Menge zu tun. So wagt Nicole einen Tandemsprung aus 10.000 Fuß Höhe, was etwa 2,7 km entspricht. Der freie Fall ist wirklich ein irres Gefühl – das sollte wirklich jeder einmal im Leben gemacht haben. Uwe schwingt sich am nächsten Tag auf´s Brett. Sandboarding in den Dünen ist angesagt – ohne Lift versteht sich – und so ist er nach einigen Abfahrten und vor allem Aufstiegen paniert wie ein Schnitzel. Am Montagabend treffen wir uns mit Volker und seinem Sohn Ole, der vor 23 Jahren aus der Nachbarschaft von Nicoles Tante nach Namibia ausgewandert ist. Hier zeigt sich wieder mal wie klein die Welt ist. Wir stellen fest, dass wir den Silvesterabend auf genau der gleichen Restaurantterrasse im Caprivistreifen verbracht haben und höchstwahrscheinlich sogar Ole beim Angeln zugesehen haben. Nur, dass wir uns zu dem Zeitpunkt noch nicht kannten.
Auf dem Weg zu den berühmten roten Sanddünen von Soussuvlei machen wir noch einen kleinen Abstecher nach Walvis Bay, wo wir endlich einmal Flamingos in größerer Anzahl antreffen. Waren die rosa Vögel doch 2008 in Tansania während wir durch Kenia fuhren und als wir 2012 in der Serengeti waren, brüteten sie in Kenia. Doch nun haben wir sie und können sie samt Geschnatter endlich einmal in Ruhe betrachten.
Wir erreichen Sesriem, den Eingang zum Soussuvlei Nationalparkt am frühen Mittag und warten bei 39,2 Grad im Schatten schwitzend darauf, dass es endlich etwas abkühlt. So ist es nur sinnig am nächsten Morgen bereits um 5.20 Uhr durch das gerade geöffnete Gate zu düsen, um bei kühleren Temperaturen und pünktlich zum Sonnenaufgang die imposante „Big Daddy“-Düne zu erklimmen. Die Begegnung mit einem Oryx als auch der Ausblick von der Dünenspitze entschädigen für die Strapazen.
Nun sitzen wir ausnahmsweise mal an ein einem netten kleinen Pool und gönnen uns neben dem Schreiben dieses Berichtes und dem Durchdenken der weiteren Reisestrecke ein bisschen Lesepause und Ruhe. Von daher war´s das für heute…. Fortsetzung folgt.
Nachdem wir in Opuwo keine weiteren Warnungen bezüglich der Cholera-Epidemie erhalten, machen wir uns auf den Weg zu den Epupa-Falls. Nach drei Stunden und 180 km staubiger Piste durch hügelige Landschaft, vorbei an so manchem Himbadorf, erreichen wir es endlich – das palmengesäumte Ufer des Kunene. Der Fluss entfächert sich auf eine beträchtliche Breite und vor uns liegt eine Oase aus Palmen, uralten Baobabs, Wasserfällen mit dazwischenliegenden Inseln und die Formulierung paradiesisch drängt sich geradezu auf.
Wir entscheiden uns bei Ankunft für das Camp direkt am Wasserfall – erfrischende Gischt inklusive, was bei diesen Temperaturen wirklich angenehm ist. Nach einer Weile erscheint Reiter, ein lokaler Guide und bietet uns einen Besuch bei einem Himbadorf an. Wir haben hierzu ein zwiegespaltenes Verhältnis und benötigen noch etwas Zeit, um uns klar zu werden, ob wir dies wirklich möchten. Wir wollen nicht wie die Heuschrecken einfallen, Fotos machen und danach fluchtartig den Ort verlassen. Auch möchten wir nicht eine „Touristenattraktion“ besuchen. Wir möchten uns bewusst viel Zeit nehmen um mit den Menschen in Kontakt zu kommen und uns auszutauschen. Dies alles besprechen wir mit Reiter und entscheiden uns dann, zusammen mit ihm ein Dorf in ca. 18 km Entfernung zu besuchen. Reiters Wurzeln liegen in der Himbakultur, allerdings besuchte er ab dem sechsten Lebensjahr eine Internatsschule und ist daher in beiden Kulturen zuhause. Wir fahren gemeinsam mit unserem Wagen und parken vor dem in traditioneller Weise mit Holzästen umrahmten Dorf. Nun ist uns doch etwas mulmig zu Mute. Sind wir nur neugierige Eindringlinge? Finden wir Zugang zu den hier lebenden Menschen? Doch unsere Bedenken zerstreuen sich schnell, denn Reiter ist ein sehr umsichtiger Guide. Er bittet uns kurz zu warten und fragt um Erlaubnis für den Besuch. Wir freuen uns, als er uns sagt, dass wir willkommen sind und gehen zum Dorf. Unsere Gastgeschenke in Form von einem Sack Maismehl, einem Liter Speiseöl, einem Kilo Zucker und zwei Knorr-Tütensuppen überreichen wir der ersten Frau des Dorfes. Die Begrüßung ist zunächst hölzern, findet man sich doch mit einem Mal in einer Welt wieder, die einem völlig fremd ist. Uns werden eine Getränkekiste und ein kleiner Plastikstuhl zum Sitzen angeboten. Alle anderen sitzen auf dem Boden. Wir verfolgen die Geschäftigkeit der Frauen und Kinder unter dem kleinen Palmendach, das der Dorfgemeinschaft sozusagen als Aufenthaltsraum dient. Es werden Schmuckstücke gefertigt, die uns den Einstieg in eine Unterhaltung liefern. So ist Schmuck eine Tradition mit Bedeutung. Beispielsweise lassen sich an den breiten Reifen an den Fußgelenken ablesen, ob eine Frau kein bzw. ein Kind hat oder zwei und mehrere. Ebenso haben auch die Ketten ihre Bedeutung. Im Gespräch über diese Traditionen tauen wir immer mehr auf und stellen alle Fragen, die uns beschäftigen. So auch die nach den Träumen der Frauen. Die erste Frau des Chiefs würde gerne einmal Deutschland besuchen, wobei wir nicht sicher sind, ob sie wirklich weiß, wo auf der Welt es sich befindet. Eine Tochter des Chiefs wünscht sich sehnlichst einen Mann, was uns zunächst irritiert, da doch Ihrem Schmuck zu entnehmen ist, dass sie bereits mindestens zwei Kinder hat. Doch einen Mann hat sie bisher noch nicht. Ein kleiner Junge wünscht sich Süßigkeiten, ein etwa zweijähriges Mädchen hätte gerne ein Baby und ein Junge von vielleicht fünf Jahren will unbedingt ein Auto – ein echtes versteht sich. Eine der Frauen hat einen Wunsch, der nach dem gemeinschaftlichen Gelächter auf einmal sehr existentiell ist. Sie wünscht sich, dass es regnet. Das hat es seit zwei Jahren nicht mehr und von den ehemals 100 Rindern leben nur noch 8, da es einfach kein Gras mehr zum Fressen gibt. So erfahren wir nach und nach weitere Details der Lebensweise und nach einer Weile erscheint das „im Vorbeifahren“ manchmal so primitiv wirkende Leben in den umzäunten Hütten gar nicht mehr so unvorstellbar. Nach einer langen Zeit der Unterhaltung werden wir durch das „Dorf“ geführt und Reiter erklärt uns, dass jede Frau – der Chief dieses Dorfes hat drei – ihre eigene Hütte hat. In eine dieser Hütten dürfen wir hereinschauen und bekommen die unterschiedlichsten Alltagsgegenstände gezeigt, so auch die aus Horn gefertigten Tiegel, in denen die Frauen Ihr Parfum und die aus geriebenem Stein und Fett gemischte Paste aufbewahren, mit der sie ihre Haut einreiben. Wir dürfen schnuppern und ausprobieren und erfahren immer mehr. So auch, dass der Dorfchief leider im Augenblick nicht anwesend ist, da er für mehrere Tage unterwegs ist, um sich mit den Chiefs von anderen Dörfern zu treffen. Die Regierung Namibias plant einen weiteren Staudamm im Nordwesten des Landes am Kunene zu errichten, was große Auswirkungen auf das Leben der Himbas hätte. Die einzelnen Chiefs beraten nun, wie dem Ansinnen entgegen zu wirken ist. So verabschieden wir uns nach knappen drei Stunden, froh unseren Zweifeln nicht nachgegeben und den Besuch tatsächlich gemacht zu haben.
Wie es vermutlich allen Besuchern der Epupa-Falls ergeht, können auch wir uns von diesem Ort kaum losreißen. So genießen wir die Gegend noch zwei weitere Tage, baden in den natürlichen Pools und bestaunen das wunderschöne Naturschauspiel der vielen verschiedenen Fälle noch eine Weile – Regenbogen inklusive. Dann geht´s wieder zurück nach Opuwo, wobei sich die Stadt beim kurzen Zwischenstopp sehr viel angenehmer präsentiert als auf unserem Hinweg. Wir nächtigen ein Stück weiter südlich beim Camp „Aussicht“, das seinem Namen alle Ehre erweist und können am nächsten Morgen die auf dem Gelände betriebene Dioptase-Mine besichtigen. Dann wollen wir nur noch ans Meer. Doch das ist noch ein gutes Stück Weg und drei platte Reifen entfernt… Doch die Landschaft ist grandios und auch das Reifenwechseln klappt von mal zu mal besser und so erreichen wir nach drei weiteren Tagen Hentiesbay. Doch mehr zum Meer beim nächsten Mal…

