Tennant Creek bis Darwin: 1.163 km – macht 7.079 km

Nach der Radelpause im Red Center fällt es schwerer als gedacht, wieder den richtigen Tritt zu finden. Zwar freuen wir uns, endlich wieder auf dem Rad zu sitzen und unsere Route fortzusetzen, doch scheinen die Beine überrascht, dass sie nun doch wieder ran müssen. So sind wir am ersten Tag noch guter Dinge, am Zweiten fällt es mir ungewohnt schwer und am Dritten läuft´s bei Uwe nicht so richtig rund. Doch dann sind wir wieder drin – die Beine wissen wieder was zu tun ist und der Wind ist uns die meiste Zeit wohlgesonnen.

Nach vier Fahrtagen und 413 Kilometern mit einer Campingplatz- und zwei Buschnächten erreichen wir den berühmt berüchtigten Pub in Daly Waters. Er wurde in den 30er Jahren als Raststätte für die Zwischenlandungen der Quantasfluglinie errichtet und erfreut sich heutzutage bei Einheimischen und Touristen großer Beliebtheit. Wir verbringen einen geselligen Abend mit leckerem Essen und Live-Musik im Country Stil. Viele der zumeist mit Wohnwagen reisenden Australier haben uns in den letzten Tagen irgendwo auf der Straße überholt und so werden wir immer wieder angesprochen. Die Frage die am allermeisten interessiert ist stets: „Wie viele Kilometer fahrt ihr denn so am Tag?“

Als wir am nächsten Morgen in den Startlöchern stecken steht plötzlich ein Radler neben uns. Markus aus Deutschland. Wir sind inzwischen nicht mehr sonderlich überrascht mitten im vermeintlichen Nirgendwo auf andere Radler zu treffen. Insbesondere der Stuart Highway, auf dem wir uns seit Tennant Creek befinden, erfreut sich als nord-südliche Hauptverbindungsachse Australiens großer Beliebtheit. Viele Weltumradler queren hier den Kontinent, um ihre Tour von Asien kommend nach Neuseeland fortzusetzen oder umgekehrt. Bereits auf unserer kleinen Autorunde im Zentrum waren wir erstaunt über die relative Vielzahl an Tourenradlern. Durch das außerplanmäßige Pläuschchen kommen wir erst recht spät los. Am Abend erreichen wir ein Roadhouse mit angeschlossenem Campground. Wir entführen einen Tisch und zwei Stühlen aus der gruseligen Campkitchen und lassen uns zum im Schein der Taschenlampe gekochten Dinner unter einem Frangipanibaum nieder. Es ist ein schöner Abend, da die Nachttemperaturen inzwischen wieder angenehm warm aber dennoch mild sind und sich die Moskitoschwärme noch in Grenzen halten. Auf dem Weg zum Zähneputzen entdeckt Uwe ein Gehege, in dem sich einige der seltenen und in ihrem natürlichen Umfeld schwer auszumachenden Gleitbeutler befinden. Diese sehen aus wie kleine Nagetiere mit buschigem Schwanz, die jedoch ein viel zu großes Fell besitzen, das seitlich am Körper herunterhängt. In etwa so, als hätten sie ordentlich abgenommen, nur dass das Fell nicht mitgeschrumpft ist. Doch gerade dieses überdimensionierte Fell können sie beim Sprung von Baum zu Baum wie eine Art Gleitschirm einsetzen und so Distanzen bis 50 Metern in einer Art Segelflug zurücklegen. Schön, dass wir diese interessanten Tiere nun doch noch zu sehen bekommen, wenn auch leider in Gefangenschaft.

Die Landschaft rechts und links des Highways erscheint langsam immer eintöniger. Umso überraschter sind wir, als wir am Abend die Bitter Springs bei Mataranka erreichen. Ein kleiner Bachlauf, gesäumt von üppig grüner Dschungelvegetation und verschiedensten Palmenarten lädt mit seinem 33° warmen Thermalwasser zum wohligen Entspannen ein. Die am Camp geliehenen Poolnoodeln sind perfekt, um sich mit der überraschend starken Strömung des Quellbachs für etwa 15 Minuten flussabwärts treiben zu lassen. So können die Radlerbeine schön entspannen. Sowohl die Quelle als auch der nahegelegene Campsite, der weitestgehend naturbelassenes Urwaldterrain bietet, gefallen uns so gut, dass wir unseren Muskeln und uns noch einen weiteren Ruhetag im Thermalwasser gönnen.

Gut gestärkt geht´s weiter nach Katherine. Hier gibt´s wieder einen richtigen Supermarkt und obgleich wir erst spät eintreffen, werden die Vorräte noch am gleichen Abend aufgestockt. Tags drauf radeln wir die 30 Kilometer Abstecher zur Katherine Gorge im Nitmiluk National Park ohne Gepäck. Hier hat der Fluss im Lauf vieler Jahre tiefe Schluchten in die Sandsteinfelsen gegraben. Am liebsten hätten wir dieses System aus aneinandergrenzenden Schluchten per Kanu erpaddelt, doch auf Grund der erst kürzlichen Krokodilsichtung ist dies derzeit noch nicht möglich. So nehmen wir das etwas größere Touren-Boot und bekommen auf der zweistündigen Fahrt einen schönen Eindruck von der Kraft des Wassers – von der Strömung des Hochwassers gebeutelte Bäume und Krokodile verschiedener Größe inklusive. Auf dem Rückweg zum Camp wartet die australische Natur noch mit einer weiteren Überraschung auf. Zunächst fliegen weit über 50 Red-tailed Black-Cockatoos (Rabenkakadu) mit lautem Geschnatter auf. Ein paar Kilometer später folgt ein großer Schwarm weißer Cockatoos und noch etwas später ein Schwarm Australian Ringnecks (Kragensittiche), ebenfalls laut schnatternd.

Katherine ist wieder einmal ein Ort der Entscheidung. Hier geht es für uns eigentlich Richtung Westen, doch dann würden wir Darwin und zwei bedeutende Nationalparks, den Litchfield NP und den Kakadu NP, verpassen. Doch gleichzeitig sprechen wir hier von etwas mehr als 300 km einfacher Strecke, direkt wohlgemerkt, ohne Abstecher in die National Parks. Und gefühlt läuft uns ein wenig die Zeit davon. Zwar ist noch nicht einmal Hälfte des Jahres vergangen, doch haben wir auch noch einiges an Strecke vor uns. Und die Entscheidung ist in etwa so, als würde man mal eben entscheiden, mit dem Rad von Mernes nach München zu radeln, „nur“ um sich die Stadt anzusehen. Also, was tun. Vor allem Uwe möchte Darwin nicht auslassen und so schlagen wir nach einigem hin und her den Weg in Richtung Norden ein. Klar war eigentlich, dass wir dann auch in Form eines Dreiecks den Kakadu NP durch radeln: Katherine – Pine Creek – Jabiru – Darwin – Katherine. Doch dürfen wir lernen, wie beeinflussbar der Mensch ist. Es klingt fast schon wie ein kleiner Chor aus jeder erdenklichen Ecke: Kakadu – do not do (sinngemäß übersetzt mit „tu´s nicht“): Der Park ist viel zu groß. Er kostet Eintritt. Die Sehenswürdigkeiten liegen viel zu weit Weg von der Straße. Diese Stimmen hören wir so oft, dass wir letztendlich beschließen, auf die immerhin 200 Kilometer Umweg zu verzichten. Wir fahren also auf direktem Weg nach Darwin. Also doch Mernes – München zur Stadtbesichtigung. Hat es sich gelohnt? Nun ja. Sicherlich wäre es komisch gewesen einmal um Australien zu radeln und die größte und zugleich nördlichste Stadt des Northern Territory auszulassen. Andererseits ist es eine Stadt wie viele Städte. Besonders schöne Strände hat sie nicht zu bieten, stattdessen ein touristisch voll erschlossenes „Ballermann“-Viertel, in dem wir unwissentlich leider auch mit unserem gebuchten Zimmer gelandet sind. Die Campsites liegen in Darwin ausnahmslos alle mindestens 10 km außerhalb der Stadt, was uns einfach zu weit war, und zumeist direkt am Highway. Auch nicht wirklich schön. Schön hingegen war, dass gerade ein Fest der Kulturen gefeiert wurde, zu dessen Abschluss es ein schönes Feuerwerk gab. Schön war auch, der Besuch des Mindil Beach Markets, der allwöchentlich donnerstags und sonntags abgehalten wird. Zuerst gibt´s Sunset am Beach, dann allerlei Köstlichkeiten an diversen Essensständen und Marktbuden. Und dann war es in einer Stadt wie Darwin natürlich ausgesprochen einfach, ein schönes Restaurant zur Feier meines Geburtstages zu finden. Doch nach drei Tagen ist es dann auch wirklich an der Zeit die Stadt wieder zu verlassen. Dies haben wir gestern getan und zwar per Fähre. 15 Minuten hat das Übersetzen nach Mandorah gedauert und schon waren wir wieder mitten in der Natur. Herrlich. Noch besser war, dass die Fähre eine reine Personenfähre ist, so dass der Verkehr sich auf dieser Seite der Bucht schlagartig verliert. Somit waren die ersten 27 km bis zur nächsten Abzweigung eine wirkliche Wohltat für die Sinne. Abgesehen von ein paar krächzenden Kakadus einfach nur Stille. Der Stadt- und Partylärm der vergangenen Tage als auch die zunehmende Verkehrsdichte auf dem Stuart Highway in Richtung Darwin war schon ziemlich nervenaufreibend und ermüdend. Neben den Roadtrains, die sich sehr rücksichtsvoll verhalten und wann immer möglich sogar auf die andere Spur der Straße wechseln, sind auf dem Stuart Highway auch viele Wohnwagen unterwegs. Es gibt viele Australier, die im hiesigen Winter aus dem kühlen und mitunter ungemütlichen Süden in den warmen Norden ziehen, um hier einige Wochen oder Monate zu verbringen. Und so war die Verkehrsdicht in den letzen zwei Wochen ungewohnt hoch für uns. So genießen wir die kurze Stille ganz besonders bis wir am Nachmittag einen Campsite vor den Toren des Litchfield NP ansteuern, auf dem wir Daniela und Stephan wieder treffen. Die beiden sind mit dem Liegerad unterwegs (www.liegebummler.bike) und seit Tennant Creek haben sich unsere Wege schon einige Male gekreuzt. Wir verbringen einen weiteren netten Abend und den heutigen Tag zusammen, bevor sich unsere Wege dann wirklich trennen. Daniela und Stephan fahren hoch nach Darwin, wo ein Flieger sie mitsamt ihren Rädern nach Alaska bringt, wo neue Abenteuer auf sie warten.

Für uns bleibt erst einmal alles wie es ist: Warm mit hoher Luftfeuchtigkeit und vielen Mücken. Wir werden morgen in den Litchfield NP fahren, dann wieder zurück nach Katherine, wo dann der zweite Richtungswechsel unserer Tour bevorsteht. Es geht nach Western Australia, wo die Kimberleys mit der Gibb River Road und das Ningaloo Reef auf uns warten. Wir hoffen mit diesem Richtungswechsel auf etwas weniger Verkehr, etwas kühlere Temperaturen, weniger Moskitos und damit insgesamt wieder auf etwas mehr Natur – auch wenn sich das von außen betrachtet vielleicht komisch anhört. Immerhin ist das Northern Territory mehr als dreimal so groß wie Deutschland, wohingegen nur etwa 230.000 Menschen hier leben. Davon mehr als 100.000 in Darwin.

 

 

 

 

 

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